Themenschwerpunkt

Ohne Gesellschaft ist Bildung weder möglich noch adäquat zu deuten; Gesellschaft und Bildung berühren sich gegenseitig; gesellschaftlicher Wandel gibt stets Anlass zu Weiterentwicklungen und Änderungen in Bezug auf Bildung als Konzept und Praxis. Gegenwärtig erfährt das Bildungskonzept zweifelsohne eine Infragestellung seiner bisherigen Funktions- und Bedeutungszusammenhänge: es stellt sich die Frage, ob Bildung ihr Aufklärungspotenzial im gegenwärtigen Kontext noch wahrnehmen kann, andererseits wird die Auffassung vertreten, dass aktuelle Herausforderungen Chancen zur Erneuerung des Aufklärungspotenzials nach sich ziehen könnten.
Zugleich gewinnt Bildung immer mehr an Gewicht in der Gesellschaft: in der Praxis stellt sie eine zentrale Investition sowohl in nachwachsende Generationen als auch zunehmend – im Zeichen des lebensbegleitenden Lernens – entlang der gesamten Lebensspanne dar. Diese Investition gilt einerseits der Förderung der individuellen Entwicklung und Entfaltung, andererseits der Herausbildung von Wissen, Kompetenz und Fähigkeiten im Interesse des wirtschaftlichen Wohlstands und des sozialen Zusammenhalts. Bildungspolitische Leitlinien und Programme verdeutlichen somit die Bildungsherausforderungen, die digitale und zunehmend immateriell konstruierte Wissensgesellschaften mit sich bringen. Hierzu stellen WissenschafterInnen kritische Fragen und zeichnen die Begleiterscheinungen und Folgen nach – wobei die Renitenz individueller, sozialer und lebenslaufbezogener alter und neuer Chancenungleichheiten beim Zugang zu und Erfolg in der Bildung als Institution, Angebotspalette, Erfahrungsprozess und Zertifizierungsinstanz weiterhin grundsätzlich zweifeln lässt, ob aus gesamtgesellschaftlicher bzw. individueller Sicht Bildung jemals zur erhofften Emanzipation und Gerechtigkeit führen wird oder kann.
Die inhärenten Wechselspiele zwischen Bildung und Gesellschaft führen jedoch nur selten zu synchronisierten Fortentwicklungen, häufiger zu Ungleichzeitigkeiten und Spannungsfeldern – die in einem Zeitalter vielfältiger Beschleunigungsphänomene, die nahezu alle Lebenssphären tangieren, sich gegenseitig im Weg zu stehen scheinen, bevor sie konstruktiv verarbeitet und überwunden werden können. Zugleich scheint das Soziale – auch und gerade im Bildungsprozess – ins Verschwimmen zu geraten, einerseits aufgrund ökonometrischer Zugänge zur Abbildung von Bildungsverläufen und andererseits im Zuge des Einsatzes digitaler Lehr- und Lerntechnologien. Hier stellt sich die Frage der Dimensionen und Folgen von widersprüchlichen Individualisierungsprozessen, die den Charakter der Bildung als Konzept und in der Praxis nachhaltig ändern.
Ein Zeitalter vielfältiger Bildungsoptionen mag sich abzeichnen, jedoch sind diese in ein Spannungsfeld eingebettet, das derzeit kaum aufzulösen ist: Man darf sich die Bildung aussuchen, die einer/einem zusagt – aber etwas muss man sich aussuchen, und dies kontinuierlich, in allen Lebensbereichen und zu allen Lebenszeiten, – und sollte man scheitern, liegt die Verantwortung beim wählenden Individuum selbst.

Basierend auf diese Überlegungen befasst sich die ÖFEB-Jahrestagung 2013 schwerpunktmäßig mit den folgenden Fragestellungen:

  • Welche Möglichkeiten, Chancen aber auch Grenzen bietet unser aktuelles Bildungsangebot der Gesellschaft und dem Individuum vor dem Hintergrund der angedeuteten Wechselwirkungen?
  • Wie sollte Bildung bzw. könnten Bildungsangebote unter den gegenwärtigen sozialen Rahmenbedingungen gestaltet sein, damit möglichst alle Gruppen davon profitieren können? (Bildungsgerechtigkeit)?
  • Wie reagiert das Bildungssystem in unterschiedlichen Bereichen auf die allgemeingesellschaftlichen Beschleunigungsphänomene?
  • Welchen Beitrag leisten Bildungsforschung und Bildung(seinrichtungen), vorhandene Rahmenbedingungen zu reproduzieren und/oder kritisch zu hinterfragen und zu verändern?
  • Ist Bildung die richtige oder falsche Antwort auf gesellschaftliche Fragestellungen obiger Art oder sind die Fragen falsch gestellt?
  • Hat die Programmatik des lebenslangen Lernens das Potenzial, das zum Stillstand gekommene Projekt Bildung an seine aufklärerischen Wurzeln zurück zu führen, oder bleibt sie im Kern rhetorische Begleitung des sozialen Wandels?
  • Wie sollte die Aus- und Weiterbildung spezifischer Berufsgruppen im Zeitalter der Individualisierung aussehen? Wie können insbesondere zunehmend heterogene Ressourcen und Phänomene genutzt und produktiv umgesetzt werden?

Die ÖFEB und die organisierenden Organisationen würden sich freuen, Sie als Teilnehmer/in bei der Tagung begrüßen zu können!